Miriam Gieseke

Praktisches Jahr
09.03.2026 – 28.06.2026

Woche 1: 09.03. – 13.03.2026

Willkommen im Bayerwald
.. oder Willkommen zurück. Nachdem ich im vergangenen Jahr schon mein Blockpraktikum in der Gemeinschaftspraxis im Bayerwald verbracht habe, kannte ich schon die Wohnung in Kirchberg, einige Praxen und Team-Mitglieder. Für meine Reflektionen habe ich mir überlegt, ein paar Kategorien zu machen, in die ich auch meine persönlichen Lernziele verpacke: Praktisches, Kommunikatives, Ethisches/ Ärztliche Haltung – und was mir sonst noch so einfällt.

Hands on
Diese Woche geht es mir wortwörtlich darum, was wir mit den Händen machen: Untersuchen, abtasten, abklopfen, Gelenke durchbewegen, Stabilität prüfen. Jeden Tag Patienten zu untersuchen hilft mir, Erfahrung darin zu bekommen und Befunde zuverlässig einschätzen zu können – wobei ich auch immer wieder merke, dass der letzte Orthopädie-Kurs schon ein bisschen her ist. Wie untersuche ich nochmal ein Kniegelenk? Da gibt es noch viel zu lernen und aufzufrischen.

Let‘s talk about …. Ängste
In meiner ersten Woche hier ist mir aufgefallen, wie häufig medizinisch harmlose Befunde große Ängste auslösen und dass es herausfordernd sein kann, Patienten zu beruhigen, ohne ihre Sorgen zu bagatellisieren. Einige Befunde können sich gruselig anhören – eine „Nierenzyste“, ein „frühes Repolarisationssyndrom“, eine „Leukozytopenie“, ein Laborwert, der nicht im Normbereich ist oder eine beiläufige Bemerkung. Wenn Sachen nicht ausreichend erklärt wurden und Dr. Google dazukommt, kann es schnell passieren, dass man sich bei einem eigentlich harmlosen Befund doch große Sorgen macht – schließlich geht es um die eigene Gesundheit. Unsere Worte können wie Sprengstoff für Ängste sein, auch die von uns Studierenden. Es macht einen Unterschied, ob ich sage „das müssen wir noch weiter abklären“ oder „wir wollen das sicherheitshalber noch ausschließen“. In dieser Woche habe ich dazugelernt, Ängste und subjektive Krankheitstheorien offen anzusprechen und auch nach einem Gespräch zu fragen „Konnte ich Sie damit beruhigen?“.

Philosophicum
Primum non nocere – zuerst nicht schaden. Ein ärztlicher Grundsatz seit Hippokrates und leichter gesagt als getan. Nicht nur können unsere Worte Sorgen oder Ängste auslösen, auch Überdiagnostik und Übertherapie ist in Deutschland ein Problem. Wir alle haben einen Action Bias und oft ist es leichter, weitere Diagnostik zu empfehlen, um sicherzugehen, als sich festzulegen, dass etwas nicht weiter abgeklärt werden muss und dafür auch die Verantwortung zu tragen. Die Grundlage zur Vermeidung von Überversorgung: fachlich gut & evidenzbasiert im Wissen um Prävalenzen, Gütekriterien von Diagnostik etc. zu arbeiten und damit sein Handeln gut begründen zu können.

The Länd
„Hier kennt man sich noch“ sagte eine Patientin zu mir. Ich glaube, sie empfand das als etwas Positives, während ich mir nicht sicher bin, ob ich gerne auch in meiner Freizeit dauernd Patient*innen begegnen und als „Die Ärztin“ wahrgenommen werden will. Da spricht wahrscheinlich das Stadtkind aus mir. Nichtsdestotrotz freue ich mich, die Gegend kennenzulernen. Den Innenstadt-Lärm von meiner Würzburger WG vermisse ich zumindest nicht, wenn ich morgens das Fenster öffne, die Vögel zwitschern und die Sonne auf unseren Berg scheint, während sich die Nebelschlieren im Tal unter uns auflösen.

Woche 2: 16.03. – 20.03.2026

Hands on
Kleine praktische Aufgaben werden langsam Alltag: Beispielsweise Ultraschalluntersuchungen von Bauch und Schilddrüse, Impfungen, das Befunden von EKGs oder das Durchführen von Troponin-Schnelltests. Auch die Versorgung kleinerer Wunden und diverser subkutaner Raumforderungen wie Ganglien, Atherome oder Schleimbeutelschwellungen war für mich interessant – was können wir selbst machen, wen schicken wir in die Notaufnahme, wen zum Chirurgen, wen zum Dermatologen, wen zum Orthopäden und wann reicht ein konservatives Prozedere.

Lets talk about … Bewegung
Mir ist die Woche aufgefallen, dass in einigen Gesprächen bei Rückenschmerzen viel um die Frage nach Schmerzmitteln und medikamentöser Therapie ging, obwohl das wichtigste (auch um Chronifizierung zu vermeiden!) aktive Maßnahmen sind: Dehnen, Kräftigungsübungen, körperliche Bewegung. Dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst auch oft zuerst nach der Einnahme von Schmerzmitteln und nicht nach den aktiven Maßnahmen gefragt hatte – vielleicht lag es also auch an meinen Fragen? Mit dieser Erkenntnis habe ich angefangen, immer zuerst nach den durchgeführten Übungen zu fragen und auch vom Zeitanteil mehr über aktive als über passive Maßnahmen zu sprechen. Außerdem versuche ich, die Grundsätze des Motivational Interviewing einzubinden. Mein aktueller Fokus dabei: Mehr Fragen stellen und weniger Empfehlungen geben. (Es heißt ja auch Motivational „Interviewing“ und nicht Motivational „Advising“)

Philosophicum
Es geht weiter mit Gedanken zur Prävention: Welcher sozioökonomischen Schicht wir angehören ist ein Prädiktor für kardiovaskuläres Risiko und Herzkreislauferkrankungen. Gleichzeitig werden allgemeine Vorsorgeangebote wie z.B. Check Ups häufiger von eher gesundheitsbewussten Menschen mit sozioökonomisch eher höherem Status wahrgenommen. Ist das dann gerecht und sinnvoll, dass wir diese Art der Prävention durchführen, die die Leute die es am meisten benötigen würden am wenigsten erreicht? Gäbe es vielleicht ergänzende Angebote oder Wege, gezielter oder niederschwelliger Angebote für Risikogruppen z.B. Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten zu machen? Ein erster Schritt, den ich mir vornehme, ist, Risikogruppen zu erkennen und auch bei anderen Beratungsanlässen mehr einen Blick auf die Gesundheitsförderung zu haben.

Da Woid
… ist gerade voll mit Buschwindröschen! Und gibt es überhaupt etwas Schöneres als goldene Abendsonne zwischen dunkelgrünen Nadelbäumen?

Woche 3: 23.03. – 27.03.2026

Hands on
Woran ich merke, dass ich diese Woche viele Abdomen-Sonos gemacht habe? Als ich abends den Sonnenuntergang anschaute hatte ich bei einer gebogenen Wolke automatisch die Assoziation zur vena splenica, die ich diese Woche oft gesucht habe, um das Pankreas in einem luftüberlagertem Abdomen ausfindig zu machen. Das sonographieren macht mir Spaß. Und langsam schaffe ich es, bei den Vorsorgeuntersuchungen zu keinen Teil zu vergessen und mehr Routine in den Beratungsgesprächen zu bekommen.

Lets talk about … Laborwerte
Wie sind meine Cholesterin-Werte? Und können wir nicht mal die Borreliose-Titer bestimmen? Hinter solchen Fragen steht oft der Gedanke, dass die Laborwerte eine eindeutige Antwort auf unsere Fragen geben. Und wenn sie außerhalb des Referenzbereichs liegen, müssen sie ja pathologisch sein oder nicht?! So einfach ist es meistens nicht: Die Borrelien-Serologie über die wir diese Woche in der Fortbildung gesprochen haben, hat sowohl hohe falsch-positive als auch hohe falsch-negative Ergebnisse und bringt uns in der Frage nach einer aktiven Borreliose nicht zuverlässig weiter. Grenzwerte können außerdem von Person zu Person und je nach Situation unterschiedlich sein. Beim multimorbiden Patienten mit eingeschränkter Lebenserwartung und großen Schwierigkeiten einer Therapieeskalation auf Insulin akzeptieren wir vielleicht den 9% HbA1c, während wir den jungen Typ-1-Diabetiker doch eher zu einer Therapieoptimierung raten würden. Auch für mich selbst ist es ein neuer Blickwinkel, Grenz- und Zielwerte nicht starr sondern individueller wahrzunehmen und diese Hintergründe Patient*innen zu erklären.

Philosophicum
In der Medizin haben wir meist keine 100% Sicherheit – Entscheidungen beruhen fast immer auf dem Abwägen verschiedener Wahrscheinlichkeiten. Wie gehen wir im Gesundheitssystem insgesamt damit um? Häufig verweisen wir an Spezialist*innen, wenn wir uns nicht ganz sicher sind. Wie oft tun wir das ohne medizinische Notwendigkeit, um das ungute Gefühl der eigenen Unsicherheit zu reduzieren? Vielleicht gehört es zum ärztlichen Handeln, genau das auszuhalten: dass es keine vollständige Sicherheit gibt. Und dennoch Entscheidungen zu treffen – verantwortungsvoll und transparent gegenüber unseren Patient*innen, auch wenn ein Rest an Unsicherheit bleibt.

Da Woid
Mein Natur-Highlight dieser Woche: Bei uns in Kirchberg Schneetreiben und düstere Wolken – am Nachbarhügel dagegen ein sonniger Himmel mit Schönwetterwolken im Abendlicht.

Woche 4: 30.03. – 03.04.2026

Hands on
Die Zeckenzeit beginnt. Und damit für mich die Wiederholung der klinischen Manifestationen. Eine Patientin diese Woche berichtet von einem roten Ring um einen Zeckenstich – also Klassiker, ein Erythema migrans? Jetzt kommen die klinischen Details ins Spiel: Der Zeckenstich war drei Tage zuvor, das wäre für ein Erythema migrans ungewöhnlich früh – also vielleicht doch eher noch eine unspezifische lokale Reaktion auf den Zeckenstich? Unser Vorgehen in diesem Fall: Fotodokumentation durch die Patientin und eine erneute Beurteilung nächste Woche. Dieser Fall zeigt mir, wie sehr es auf die klinischen Details ankommt. Auch die mögliche Übertragungszeit ist relevant – Borreliose wird in der Regel erst nach über 12 Stunden übertragen.

Lets talk about … Wirtschaftlichkeit
Wirtschaftlich sinnvoll zu handeln ist auch eine ärztliche Aufgabe, das wissen wir nicht erst seit die Sparpläne im Gesundheitswesen öffentlich rauf und runter diskutiert werden. Während dieser allgemeine Zusammenhang allen einleuchtet kann es in der individuellen Situation schwieriger sein: Zum Beispiel zu erklären, warum wir Medikamente auf das günstigere umstellen, wenn Wirkung & Nebenwirkungen für sie vergleichbar sind, ohne dass sie dann das Gefühl bekommen, dass das günstigere Medikament vielleicht das schlechtere sein könnte.

Philosophicum
Ich hoffe, dass die Gesundheitsreform es schafft, Überdiagnostik und -therapie zu reduzieren und durch bessere Vernetzung der Akteure Doppeldiagnostik zu vermeiden. Weniger Überversorgung könnte zugleich die Patientengesundheit verbessern, Klimaschäden verringern und das System entlasten – im besten Fall würde mehr Zeit pro Patient*in bleiben. Ohne alle 66 Vorschläge im Detail zu kennen, stehe ich selbst stärkerer Patientenbeteiligung und niedrigerem Krankengeld skeptischer gegenüber, da sie kranke Menschen überproportional belasten würden. Gerade chronische Erkrankungen sind bereits ein Armutsrisiko – solche Maßnahmen würden bestehende Ungleichheiten verschärfen. Ein anderes, aber auch gesundheitsökonomisches Thema: Auch die Kürzung der Honorare für Psychotherapeut*innen halte ich nicht für zielführend, selbst in den vergangenen Wochen habe ich mehrfach erlebt, wie schwierig es für Patient*innen ist, zeitnah Psychotherapieplätze zu finden, selbst bei schwerwiegenden Erkrankungen. Bevor man die Kosten umverteilt oder Honorare kürzt, sollte man meiner Meinung nach auch allgemein über die Kosten der Arzneimittel sprechen. Die Pharmabranche hat die höchsten Gewinnmargen überhaupt – mehr als Energieversorger, Medienunternehmer oder Autohersteller. Wie ist das logisch erklärbar?! Vermutlich weil Gesundheit so ein hohes Gut ist und wir bereit sind, dafür viel zu bezahlen. Gerade deswegen ist das ganze aber auch ethisch problematisch, vor allem global, wo vielerorts Medikamente aus Preisgründen nicht verfügbar sind. Dieses Problem wird wohl auch eine deutsche Gesundheitsreform kaum lösen.

Da Woid
Diese Woche konnte ich viel mit dem Fahrrad unterwegs sein – etwas, das ich wirklich vermisst habe! Vielleicht sollte ich für die nächsten Waldausflüge auch mal meinen FSME Impfstatus checken?

Urlaub

Woche 6: 13.04. – 17.04.2026

Hands on
Diese Woche hieß es für mich: in der Mittagspause und abends an meinem Poster weiterarbeiten, dass ich Ende der Woche beim Kongress in Wiesbaden vorstellen darf. Literaturrecherche betreiben, meine Grafiken optimieren, das am Ende alles in einer PowerPoint Vorlage zusammenfassen und zurechtrücken, Poster drucken und dann meine 5 Minuten Vortragszeit nicht überschreiten. In der Vorbereitung finde ich übrigens heraus, dass mein Patientenfall noch ungewöhnlicher war als wir zunächst dachten und in der Literatur bisher keinerlei ähnliche Fälle beschrieben sind. Spannend!

Lets talk about … Evidenz
… wenn wir schon beim Thema sind. Viel von unseren Gesprächen ist ja im Grunde Wissenschaftskommunikation. Wie gehen wir damit um, wenn etwas zu wenig Daten hat oder die Daten zeigen, dass es keinen Effekt hat? Ich denke, wenn ein Patient das Gefühl hat, dass ihm sein Hustensaft oder seine Globuli helfen und es keine relevanten Nebenwirkungen gibt dann darf man den Placebo Effekt ruhig auch nutzen, aber es können sich auch spannende Gespräche ergeben, bei denen man selbst nochmal merkt, ob man wirklich die Evidenz zu den Maßnahmen belegen kann.

Philosophicum
Die Posterpräsentation auf dem DGIm-Kongress war eine tolle Erfahrung für mich. Befremdlich war mir jedoch der Umgang mit den Pharmafirmen. Dass ein Impfstoffhersteller an seinem Stand darauf hinweist, dass man den HPV Impfstatus seiner Patient*innen im Blick haben sollte, ist an sich ja nicht verwerflich. Aber dass überall kostenlos Kaffee und Essen an den Ständen der Firmen angeboten wird, tun diese ja nicht aus reiner Herzensgüte. Die seriösen Kongress-Besucher schlagen sich den Bauch voll und man hat das Gefühl, dass es vielen egal ist, dass sie im Austausch für das Essen eines unserer kostbarsten Güter – unsere Aufmerksamkeit – schenken. Und zudem muss ich daran denken, dass die Firmen diesen Kaffee aus den Geldern bezahlen, die wir alle an unsere Krankenversicherung bezahlen. Wie letzte Woche schon angesprochen: Warum stehen nicht die hohen Preise und die Gewinnmarge der Pharmafirmen im Fokus der gesundheitsökonomischen Reformen? Was mich jedoch wirklich gestört hat, war, dass in den besten Zeitslots – mittags, wo die meisten Menschen auf dem Kongress sind – ausschließlich durch Pharmafirmen organisierte Vorträge liefen. Diese halten nicht unbedingt selbst Vorträge, aber können Themen oder Auswahl der Vortragenden mitbestimmen und Zufall ist es nicht, dass im Vortrag über PPI-Übertherapie Alternativen wie Alginate oder Antazida angesprochen werden und die organisierende Firma genau diese verkauft, oder dass im Vortrag über Depressionen über Lavendelpräparate gesprochen wird, wo auch hier die organisierende Firma zufällig Marktführer ist. Es sind ja wichtige Themen, aber wenn Interessenskonflikte dahinter stehen, kann ich mich einfach nicht darauf verlassen, dass die Zusammenhänge ausgeglichen und valide dargestellt werden. Zudem kamen mir auch immer wieder Informationen zur nicht-medikamentösen Therapie viel zu kurz. Liegt das auch daran, dass man Sport oder gesunde Ernährung leider nicht so gut verkaufen kann? Wie viel Bühne man Pharmafirmen auf einem Kongress gibt, kann man als Kongressorganisator (mit)entscheiden. Und zu den besten Zeitslots ausschließlich Pharma-organisierte Vorträge anzubieten ist kein Versehen, das ist Absicht und ein Deal mit genau diesen Firmen. Mein Fazit nach zwei Kongresstagen ist das Netzwerk, zu dem auch die Gemeinschaftspraxis gehört: MEZIS = Mein Essen zahl ich selbst.

Da Woid
War schon ganz voll mit blühenden Bäumen! Ich freue mich, wenn ich nächste Woche wieder Zeit für Spaziergänge und Joggingrunden habe!

Woche 7: 20.04. – 24.04.2026

Let´s talk about … Nebenwirkungen
Für ein Shared Decision Making mit den Patient*innen müssen wir natürlich über Vor- UND Nachteile der Therapieoptionen sprechen. Dass wir manche Nebenwirkungen tatsächlich dadurch auch häufiger wahrnehmen oder auslösen, nennt man Nocebo-Effekt. Analog zum Placebo-Effekt: Wenn wir von einem Medikament Nebenwirkungen erwarten, werden wir diese auch eher bekommen, genauso wie wir bei erwarteter Wirkung eine Besserung entwickeln. Nicht darüber zu sprechen ist bei manchen Nebenwirkungen sogar fahrlässig und kann unsere Vertrauensbeziehung zu Patienten gefährden, wenn sie sich unzureichend informiert fühlen. Im Beipackzettel stehen übrigens nicht nur die Nebenwirkungen, die durch Studien belegt wurden, sondern alles, was jemals im Zusammenhang mit dem Medikament beschrieben wurde. In Puncto Nocebo ist er also auch eher hinderlich. Vielleicht kann uns in dem Dilemma auch das Framing helfen: Zum Beispiel eher zu betonen, dass 99% der Menschen keine zusätzlichen Muskelschmerzen unter einem Statin haben, statt zu sagen, dass 1% der Menschen durch das Medikament Muskelschmerzen entwickeln. Praxistest dieses Tipps wird noch folgen.

Philosophicum
Hinter der Überlegung steht ja auch eine ethische Frage: Das Recht des Patienten, über die möglichen Risiken und Nebenwirkungen informiert zu werden, vs. die Tatsache, dass genau diese Information auch Nebenwirkungen und Leid verursacht. Sicherlich kann man auch nachfragen, wie viele Informationen man bekommen will – aber kann ich wirklich beurteilen, ob ich eine Information weitergegeben bekommen will, wenn ich diese Information (noch) nicht kenne?

Da Woid
Insekten brummen und Vögel singen – jede freie Minute wird draußen verbracht!

Woche 8: 27.04. – 01.05.2026

Hands on
Diese Woche durfte ich eine Platzwunde nähen. Hat gut funktioniert und diese kleinen praktischen Sachen zwischen vielen Gesprächen machen Spaß!

Let’s talk about … Arbeits-(un)-fähigkeit
Teilweise bekommt man ziemlich konkrete Forderungen, wie lange Patient*innen gerne krankgeschrieben werden wollen. Das ist auch eine sehr wichtige Information, schließlich kennen die Patienten sich und ihr Arbeitsumfeld selbst am besten. Um einschätzen zu können, wie lange eine Krankschreibung nötig ist, braucht man oft aber auch noch zusätzliche Informationen zum Arbeitsumfeld – etwa zur körperlichen Belastung oder, bei psychischen Erkrankungen, zur Bedeutung der Arbeit: stabilisiert sie den Alltag oder trägt sie zur Erkrankung bei? Mein Eindruck ist, dass einige Patient*innen solche Nachfragen jedoch als unangenehm empfinden oder sich angegriffen fühlen. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass Leistung gesellschaftlich hoch bewertet wird und man sich oft schon im Alltag rechtfertigen muss, wenn man nicht leistungsfähig ist, insbesondere bei nicht sichtbaren Erkrankungen. Trotzdem spreche ich immer wieder, auch bei längeren Krankmeldungen, an, wie es weitergehen kann und unter welchen Bedingungen ein Wiedereinstieg denkbar ist – eine Perspektive mitzuentwickeln ist irgendwo ja auch unsere Pflicht. Wenn eine gute Vertrauensbasis besteht und man auch als Patient*in das Gefühl hat, dass die Ärzt*innen das Beste für einen wollen, kann man vielleicht auch leichter und offener darüber sprechen, ohne dass man das Gefühl hat, sich rechtfertigen zu müssen.

Da Woid
Was tut man nicht alles, um den Maibaum des Nachbardorfs zu klauen? Einer unserer Patienten hatte sich dabei die Finger unterm Maibaum eingeklemmt – fürs gemeinsame Feiern hat es sich vielleicht trotzdem gelohnt 🙂

Woche 9: 04.05. – 08.05.2026

Hands on
Dass ich immer selbstständiger arbeiten kann merke ich nicht nur in der Sprechstunde, wo ich mich deutlich sicherer in der Beratung von Patient*innen fühle. Auch Hausbesuche alleine zu machen – mit Möglichkeit zur telefonischen Rücksprache versetzt mich nicht mehr in Angst und Schrecken. Besonders spannend war diese Woche, eine Nachtschicht beim Notarzt mitzufahren, die glücklicherweise sehr ruhig, aber trotzdem für mich interessant war.

Lets talk about … Alkohol
CAGE Test, AUDIT-C oder einfach mal nachfragen: Häufiges ist häufig. Riskanter Alkoholkonsum ist in Deutschland sehr häufig, also spreche ich auch oft in der Praxis darüber. Das Gesprächsklima ist dabei oft etwas angespannter als bei anderen Präventionsthemen. Immer wieder ist mir auch aufgefallen, dass es bei Patient*innen mit manifester Alkoholabhängigkeit auch zu anderen Themen oft schwieriger ist, eine gute und genaue Anamnese zusammenzukriegen. Mein Gefühl wäre, dass diese Patient*innen medizinisch auch eher unterversorgt sind, zum Beispiel durch Korrelationen mit Nikotin- oder Drogenabusus, psychosozial schwierigeren Situationen und geringerer Inanspruchnahme des Gesundheitswesens. Genaue Zahlen habe ich dazu jedoch nicht gefunden. Mein Learning aus den Gesprächen dieser Woche: Nicht ungenauer werden, wenn die Anamnese schwieriger ist.

Philosophicum
Alkohol verursacht in Deutschland ca 12 Millionen DALYS und mehr als 30 Milliarden Euro Gesundheitskosten pro Jahr. Ein DALY (disability adjusted life year) beschreibt die durch krankheitsbedingte Einschränkung der Lebensqualität oder durch vorzeitiges Versterben „verlorene“ Lebenszeit. Etwa 5% der Verkehrsunfälle und 11% der Straftaten geschehen unter Alkoholeinfluss. Bei rund jedem Fünften derjenigen, die gelegentlich Alkohol konsumieren liegt ein riskanter Konsum vor. Auch hier stellt sich wieder die Frage: Warum wird das politisch nicht mehr thematisiert insbesondere in Bezug auf die gesundheitsökonomischen Reformen? Ist es einfach zu unpopulär, weil Alkohol auch mit Lebensqualität assoziiert wird? Und wie gehe ich selber damit um? Ich habe auch keine Lust, in meinem Freundeskreis der Buhmann zu sein, der bei alkohol verherrlichenden Aussagen widerspricht, aber das Wissen um die Folgen kann man ja auch schlecht ignorieren. Optimistisch kann uns alle machen, dass der Trend in den letzten Jahren und Jahrzehnten rückläufig ist und alkoholfreie Alternativen immer mehr genutzt werden!

Da Woid
Routenempfehlung: Bei schönstem Wetter vom großen Arbersee auf den großen Arber, dann auf den kleinen Arber, runter zum kleinen Arbersee, wieder hoch zum großen Arber und wieder zurück zum großen Arbersee. Mit alkoholfreier Gipfelhalbe im Gepäck.

Woche 10: 11.05. – 15.05.2026

Hands on
Diese Woche waren wir zur Hospitation im orthopädischen Teil der Rehaklinik Schaufling. Wir durften nicht nur selbst am Sport-Programm inklusive Kletterwand und Bogenschießen teilnehmen, sondern haben Tipps und Verbesserungsvorschläge zur orthopädischen Untersuchung vom Fachmann persönlich bekommen und Ultraschalluntersuchungen von Knie-, Schulter- und Sprunggelenk durchgeführt. Auch spannend war, bei einer Akupunktur-Anwendung dabei zu sein und es auch einmal gegenseitig bei uns auszuprobieren. Bei chronischen Rücken- oder Knieschmerzen und Migräne hat Akupunktur auch eine gewisse (wenn auch weiterhin kontrovers diskutierte) Evidenz – bei chronischen Schmerzen will ich das für mich als möglichen Therapieversuch auf jeden Fall weiter im Kopf behalten. Außerdem konnten wir bei einer Ernährungsberatung dabei sein und die Ernährungsberaterin mit Fragen löchern, genauso wie die Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen und Orthopädietechniker, die wir alle im Rahmen der Hospitation kennenlernen durften. Das ganze Team vom Chefarzt bis zum Küchenpersonal war super lieb und wir sind sehr dankbar, so herzlich aufgenommen worden zu sein!

Let’s talk about … Ernährung
Bisher habe ich in der Praxis wenig Gespräche über Ernährung geführt, denn: es ist ein sehr vielschichtiges und komplexes Thema. Eine Ernährungsanamnese braucht mehr Zeit als die kurze Frage, ob und wie viel Alkohol man trinkt, ob man raucht und wie viel man sich bewegt. Sowohl Gewicht als auch der Bezug zu Essen an sich sind auch oft emotionale Themen. Die Ernährungsberaterin erzählte uns dazu, dass sie mit Patient*innen auch oft bewusst das Thema Gewicht in den Hintergrund stellt, um sozialen Druck rauszunehmen. Was ich mir nach unserer Zeit in der Rehaklinik vorgenommen habe: Öfters mal konkreter nachfragen, insbesondere auch nach Getränken. Zumindest das Grundkonzept, dass ein Teller ungefähr zur Hälfte aus Gemüse, einem Viertel aus Proteinquellen und einem Viertel aus möglichst Vollkorn-Kohlehydraten bestehen sollte, könnte man schon in der Praxis vermitteln und damit einen Einstieg in das Thema schaffen. So könnte man auch herausfinden, welche Patient*innen denn Bedarf zu einer Ernährungsberatung hätten.

Philosophicum
Die Zeit in der Rehaklinik hat mir nochmal bewusst gemacht, in welchem Stress und Hamsterrad wir normalerweise leben. Viele Patient*innen wirkten sehr entspannt und erholt, die Klinik selbst lädt durch die positive Atmosphäre, viele Treppen und das Sportprogramm auch wirklich dazu ein, Spaß an Bewegung zu finden. Aber bei wie vielen klappt das wirklich, diese Inspiration mit in den Alltag zu nehmen? Und: wie viel Auszeit, Regenerationszeit, Zeit für Bewegung nehme ich mir eigentlich selbst? Gerade ist es mir sehr wichtig, in der Medizin so viel wie irgendwie möglich zu lernen – und das ist wahnsinnig viel, quasi unendlich. Wo ziehe ich für mich die Grenze, wie viel meiner Energie stecke ich in diesen Beruf und wie viel dahin, dass es mir selbst gut geht? Wie schaffe ich das beides zu vereinbaren? Wenn ich mir die Arbeitsbedingungen in den ersten Berufsjahren anschaue, wird das wirklich eine Herausforderung.

Da Woid
Passend zum Thema habe ich meinen Feiertag nicht am Schreibtisch, sondern auf dem Fahrrad verbracht und bin auf den großen Falkenstein raufgeradelt. Auch die schöne Landschaft hier lädt definitiv zum Bewegen an der frischen Luft ein!

Woche 11: 18.05. – 22.05.2026

Hands on
Ohren auf! Diese Woche hatte ich zwei unerwartete Herzauskultationsbefunde: Ein neu aufgetretenes Vorhofflimmern und ein asymptomatisches neues Herzgeräusch im Checkup – bei ersterem ging der Patient gleich weiter ins Krankenhaus, letzteres muss man noch nicht einmal kardiologisch abklären, wenn keine Symptome vorliegen. Im Endeffekt beides Fälle, bei denen das weitere Prozedere rein von Anamnese & körperlicher Untersuchung abhängt.

Lets talk about … Tod
„Dann geh ich jetzt heim und am besten spring ich dann gleich vom Balkon, das wäre am gescheitesten.“ – sagte ein Patient, nachdem wir mit ihm besprochen haben, das er aufgrund von massiver Aszites wieder ins Krankenhaus gehen sollte. So wie letzten Monat und den Monat zuvor. Was sagt man dazu jetzt? Aussagen wie diese sind häufig, und vor allem beim Vorliegen schwerer Erkrankungen und hohem Leidensdruck verständlich. Ich würde dazu gerne etwas sagen, was Verständnis für die schwierige Situation ausdrückt und zugleich irgendeine Art von Lebensfreude ausdrückt, etwas was den Patienten Mut macht, ohne das erfahrene Leid zu relativieren. Aber was?

Philosophicum
Leid, Lebensende und Tod zu begleiten ist eine wichtige ärztliche Aufgabe. Und kann auch für uns schwierig sein, denn wir müssen unsere eigenen Grenzen anerkennen, dass wir nicht immer heilen und helfen können. Wir haben die Gefahr, in Aktionismus zu verfallen, alles mögliche abzuklären und damit sogar auch Lebensqualität zu verschlechtern. Wann beginnt denn das Lebensende, wann und wie finden wir den Übergang, bei dem Lebensverlängerung und Heilung zugunsten der Lebensqualität zunehmend in den Hintergrund rücken? Und wie messen wir medizinischen Erfolg: Oft in der Mortalität, aber mit welchen statistischen Parametern können wir auch die Lebensqualität mehr abbilden, die sicherlich mindestens genauso wichtig ist? Die Healthy Life Years oder Disability Adjusted Life Years können ein Marker sein, der dies zumindest etwas mehr beleuchtet. Aber letztendlich stellt sich die Frage, was grundsätzlich das Ziel unserer medizinischen Tätigkeit sein soll, die gleichzeitig auch die Frage danach ist, was wir im Leben wollen und was ein gutes und erfüllendes Leben ausmacht.

Da Woid
Schon fast 3/4el meiner Zeit hier sind vorbei? Ich bin doch gerade erst angekommen…

Woche 12: 25.05. – 29.05.2026

Hands on
Augen auf! Hordeolum, allergische, bakterielle oder virale Konjunktivitis, ein kleiner Abszess in der Nähe oder doch ein Fremdkörper reingekommen? Vor allem davor, was in Augennähe stattfindet, habe ich weiterhin großen Respekt. Meine praktischen Learnings der Woche: Wiederholung der red flags beim Leitsymptom „rotes schmerzhaftes Auge“, und die Details der Behandlung bei bakterieller Konjunktivitis: das zweite Auge präventiv mitbehandeln und über Augen-/ Händehygiene sprechen.

Let’s talk about … Medikamente
„Ich hasse diese Medikamente“ sagte eine Patientin zu mir, als wir über ihre Blutdruckmedikamente sprachen. Mit Tränen in den Augen. Es fühle sich für sie unnatürlich an, Medikamente für ihre Menstruationsschmerzen zu nehmen, sagt eine Freundin von mir. Auch fast mit Tränen in den Augen, aber eher wegen der Schmerzen. Andere Menschen hängen fast schon an ihrer Medikation – warum sollte man auch etwas absetzen, das als „Magenschutz“ beschrieben wird – das kann ja nur schützen und keine Nebenwirkungen haben oder nicht?

Philosophicum
Fehler machen. Ich mache ständig kleinere oder größere Fehler, wie sollte es auch anders sein, wenn man gerade einen Beruf erlernt. Aus der vergangenen Woche haben mich zwei Situationen beschäftigt, für die ich zumindest mitverantwortlich bin. Eine Patientin hatte eine Armvenenthrombose entwickelt und – obwohl wir sogar über die Kompressionstherapie gesprochen hatten – hatte ich nicht weiter darüber nachgedacht, dass der Arm überbrückend gewickelt werden sollte, bis der angefertigte Kompressionsstrumpf fertig ist. Dazu stand auch nichts im Arztbrief, niemand hatte es mit der Patientin besprochen und auch die anderen Ärzte aus der Praxis hatten nicht daran gedacht – aber ich eben auch nicht, obwohl ich die Patientin von uns am häufigsten gesehen hatte. Einen anderen Patienten hatten wir aufgrund eines großen Hämatoms zum chirurgischen Debridement geschickt, das Krankenhaus empfahl jedoch ein konservatives Vorgehen mit engmaschigen Kontrollen. Diese führten wir durch, die Wunde wurde tendenziell besser. Ein paar Tage später erfolgte die Wundkontrolle durch einen anderen Arzt der Gemeinschaftspraxis, der einigermaßen entsetzt über den Zustand der Wunde war und den Patienten unverzüglich wieder eine Krankenhauseinweisung empfahl. Diesmal erfolgte tatsächlich eine Hämatomausräumung und chirurgisches Debridement über mehrere Tage, im Anschluss sah die Wunde wesentlich besser aus. Vermutlich hätten wir schon früher eine zweite chirurgische Vorstellung empfehlen sollen. Wir hatten uns zu sehr auf die erste Einschätzung verlassen und zu wenig selbst reevaluiert.

In beiden Fällen hätten die Patient*innen vermutlich weniger Beschwerden gehabt, wenn wir diese Fehler nicht gemacht hätten. Dieses entstandene Leid können wir nicht einfach ungeschehen machen, wenn uns auffällt, dass etwas nicht optimal gelaufen ist. Damit umzugehen ist nicht leicht finde ich, schließlich machen wir diesen Beruf, weil wir Menschen helfen und Leiden lindern wollen. Wie könnte ich damit umgehen, wenn jemand wirklich dauerhafte Einschränkungen hat, weil ich irgendeinen dummen Fehler gemacht habe, etwas übersehen habe, unsauber gearbeitet habe? Könnte der Patient oder die Patientin mir das verzeihen? Könnte ich mir das verzeihen? Zu einem gewissen Teil müssen wir damit leben, dass wir Fehler machen werden, zum Teil können wir Fehler durch sauberes und strukturiertes Arbeiten verhindern und – ein Grund, warum ich so ausführlich darüber schreibe – indem wir über entstandene Fehler sprechen und daraus lernen.

Da Woid
Zu unserer Mittwochs-Fortbildungszeit bin ich diese Woche mit dem Fahrrad nach Zwiesel gefahren. Fahrrad, Kaffee, Hautkrebsbefunde – ein gelungener Nachmittag!

Woche 13: 01.06. – 05.06.2026

Let’s talk about … Diagnostik
„Ich zahle jeden Monat 600 Euro an die Krankenkasse und dann kann es ja nicht sein, dass ich hier darum betteln muss, dass meine Laborwerte bestimmt werden.” In meinem Ziel einer Arzt-Patienten-Beziehung sollte ein*e Patient*in wirklich niemals das Gefühl haben, um etwas betteln zu müssen. Was ist hier also schiefgelaufen und wie können wir es besser machen? Ein paar Tipps, die ich dazu bekommen habe und eigene Gedanken: 1. Es bringt oft nichts, über jeden einzelnen Wunsch z.B. jeden einzelnen Laborwert zu diskutieren – lieber allgemeiner sagen, dass man es aus medizinischen Gründen nicht für sinnvoll erachtet, eine Alternative anbieten und den Sinn derer erklären. 2. Die 1:1 Regel: Wenn Patienten ganz konkrete Wünsche haben haben sie sich meistens damit beschäftigt und eingelesen und das sollten wir validieren und anerkennen: Wenn ich einmal eine falsche Information korrigiere sollte ich dafür mindestens ein mal das erlernte Wissen und die Bemühungen der Patient*innen positiv hervorheben. 3. Angebote machen, die Bestimmung der Werte selbst zu bezahlen – aber auch kommunizieren, dass man nicht bei der Interpretation dieser Werte helfen wird. Denn: Die Interpretation von Tests hängt von der richtigen Indikation, einer adäquaten Prätestwahrscheinlichkeit und den Gütekriterien des Tests ab – von der Interpretation von Tests, die wir in der konkreten Situation nicht für angebracht halten wir also lieber die Finger lassen. 4. Gute Informationsmaterialien empfehlen, sodass man sich als Patient*in eine fachlich gut fundierte Meinung bilden kann und somit die Möglichkeit hat, sich mit verlässlichen Informationen weiterzubilden.

Philosophicum
Verlieren wir mit Smartwatches, Health und Fitnesstracking immer mehr von unserem Körpergefühl? Oder hilft es uns, zu validieren, was wir wahrnehmen? „Meine Schlafqualität ist total schlecht, sagt meine Uhr“, „Ich hab nachts einen Ruhepuls unter 50 – meine Uhr hat Alarm gegeben, jetzt mache ich mir natürlich Sorgen!“ oder „Ich bin komplett kaputt, Fieber, Schüttelfrost, Gliederschmerzen. „Meine Uhr hat auch schon gesagt, dass mein Stresslevel gerade total hoch ist.“ – Ein paar Beispiele, wie der Gebrauch von Smartwatches in der Hausarztpraxis ankommt. Sie sollen uns zum Beispiel helfen, bessere Schlafhygiene zu betreiben, täglich unser Bewegungsziel einzuhalten oder Herzrhythmusstörungen erkennen. Die Objektivierung von Vitalparametern und Alltagsroutinen bietet durchaus Potenzial für ein besseres Gesundheitsverhalten! Und darüber zu sprechen kann ja auch eine Chance sein, etwas auch in der Medizin Grundsätzliches zu vermitteln: Tests und Diagnostik sind wichtige Bausteine, aber entscheidend ist oft die Klinik – das Körpergefühl. Wenn mein Kniegelenk im Röntgen kaputt aussieht, aber es keine Schmerzen bereitet – super! Wenn meine App sagt, ich schlafe schlecht, ich fühle mich aber total ausgeruht, sollte ich auch diese Information nicht als zu wichtig einschätzen. Das Aufzeichnen von Vitalparametern könnte grundsätzlich auch zu mehr Überdiagnostik mit ihren negativen Folgen führen. Wenn mir von meiner Smartwatch gesagt wird, dass meine Schlafqualität schlecht sei, kann das auch dazu führen, dass ich mir mehr Gedanken um meinen Schlaf mache und dadurch sogar schlechter schlafe. Aber es könnte auch dazu führen, dass ich mein Schlafverhalten überdenke, mir deswegen bessere Schlafgewohnheiten aneigne, Stress reduziere oder mehr Sport mache – und die Erfolge vielleicht nicht nur fühlen, sondern auch in Zahlen darstellen kann.

Woche 14: 08.06. – 12.06.2026

Hands on
Inzwischen habe ich einigermaßen einen Überblick über die verschiedenen Gelenkerkrankungen und fühle mich sicherer, welche Patient*innen weiter zum Orthopäden, Rheumatologen oder Neurochirurgen geschickt werden sollten und welche nicht. Gleichzeitig gibt es noch viel zu lernen, zum Beispiel welche Beschwerden durch welche Art von Belastung oder Überlastung entstehen können und welche konkreten Übungen ich Patient*innen dafür empfehlen kann.

Lets talk about … Sex & Genitalien
„Ich kann nicht mehr richtig pinkeln“ sagt ein Patient wie aus der Pistole geschossen, als mein männlicher Kollege zum Gespräch dazu kommt – eigentlich, weil ich ihn gebeten hatte, nochmal über ein Muttermal drüber zu schauen. Obwohl ich zuvor schon ausgiebig mit ihm gesprochen hatte, mehrfach offene Fragen gestellt hatte und ausreichend Gelegenheit zum Besprechen gewesen wäre. Beschwerden im Intimbereich anzusprechen kostet oft Überwindung und noch mehr, wenn man sich noch nicht kennt und auch das Geschlecht der behandelnden Ärzt*innen spielt dabei eine Rolle. Sicherlich werden auch Erkrankungen deswegen teilweise auch später diagnostiziert. Wie kann ich es (insbesondere für Männer) niederschwelliger machen, mit mir über Beschwerden im Intimbereich oder bei der Sexualität zu sprechen? Vielleicht indem man das Thema selbst nicht tabuisiert, sondern Gesprächsbereitschaft signalisiert. Bei Bauchschmerzen bei Männern explizit fragen, ob diese in die Hoden ausstrahlen. Bei Medikamenteneinnahme mit Nebenwirkung von Erektionsstörungen aktiv danach fragen. Und sich öfter mal trauen, danach zu fragen, ob bei der Sexualität alles passt.

Da Woid
… war diese Woche regnerisch und neblig, auch mal erholsam.

Woche 15: 15.06. – 19.06.2026

Hands on
Zusammenarbeiten! Wie schön ist das, wenn man das Netzwerk aus Gesundheitssystem in seinem Umfeld kennt. Gestern habe ich eine Mitarbeiterin vom Pflegedienst kennengelernt, die sich unter anderem um einen unserer Hausbesuchspatienten kümmert, den ich auch öfters besucht habe. Sie hat sich bei uns wegen Medikamenten und der Planung der weiteren Versorgung gemeldet. Bei einem anderen Patienten wollen wir uns telefonisch melden, um die Blutdrucktherapie zu besprechen, die durch hypotone Episoden durch orthostatische Dysregulation bei einem Morbus Parkinson erschwert ist. Wo auch immer ich später arbeite: Interdisziplinäres Netzwerk = Superkraft!

Let´s talk… mit Kindern
Mit Kindern macht man natürlich anders Anamnese und Untersuchung, spielerischer zum Beispiel. Ich merke, dass ich da noch nicht so viel Erfahrung habe, was bei welchen Kindern in welchem Alter und mit welchem Charakter gut funktioniert. Hier bin ich eher noch am Anfang meines Lernprozesses. 🙂

Philosophicum
Wie viel Selbstfürsorge wäre eigentlich gut für uns? Also gesellschaftlich? In den letzten Wochen habe ich intensiv mitbekommen, was chronische Überlastung mit uns macht: Emotionale Erschöpfung, Burnout, psychische Erkrankungen, zu wenig Bewegung mit allen Folgeerkrankungen, die das mit sich bringt, vom Rückenschmerz bis zum Herzinfarkt. Ich persönlich glaube, dass es funktionieren kann, dass wir alle etwas weniger arbeiten, dafür vielleicht auf manchen Luxus verzichten, aber auch glücklicher sein könnten. Klar ist das mit der Perspektive auf einen sehr gut bezahlten Beruf eine sehr privilegierte Perspektive. Aber wie viele von uns arbeiten jahrzehntelang – in Ausbildungsberufen oft schon ab dem 16. Lebensjahr – einfach weiter, weil wir nie hinterfragt haben, ob es auch anders geht? Wie viel von unserem Potenzial, unserer Selbstentwicklung und Erkenntnissen geht dabei verloren, wenn wir nie zur Ruhe kommen? Wie viel Gemeinschaft, ehrenamtliches Engagement und am Ende glücklicheres und nachhaltigeres Leben könnten entstehen, wenn wir unser Arbeitsverhalten neu ordnen? Für mich sind es gerade die Zeiten, die Waldspaziergänge oder die Runde Yoga am Abend, wo ich ganz automatisch nochmal in Situationen des Tages hineinspüren kann und in denen ein unspezifisches Gefühl zu einer Erkenntnis wird. Wie viel bessere Medizin könnten wir machen, wenn wir uns selbst mehr Auszeiten gönnen und dafür mehr Kopf für bessere Entscheidungen hätten, wenn wir damit Über- und Fehlversorgung vermeiden könnten und damit auch den Arbeitsbedarf senken.

Gleichzeitig heißt Selbstfürsorge immer auch Grenzen nach außen setzen – was negative Folgen haben kann. Wenn ich aus Selbstfürsorge darauf verzichte, mich auch in meiner Freizeit fachlich weiterzubilden – werde ich dann die gleiche fachliche Qualität erreichen können? Wenn eine meiner Patientinnen sich nicht mehr um ihre depressive Freundin kümmert, weil es ihr selbst zu viel Energie kostet – wird sich jemand anderes kümmern? Vielleicht werde ich in manchen Bereichen gerade deswegen eine bessere Ärztin, weil ich mir Zeit für mich selbst nehme und vielleicht kann man in einer Freundschaft Wege finden, wie sie beiden gut tun können. Den Mittelweg muss wohl jeder für sich selbst finden.

Da Woid
Am Wochenende wird oben auf dem Kirchberger Kirchberg das Sonnwendfeuer stattfinden – quasi vor meiner Haustüre. Ein wunderschöner Ort dafür und ich bin etwas wehmütig, dass ich nicht da sein kann. Dieser Wechsel im Jahresverlauf erinnert mich daran, dass auch für mich bald wieder ein neues Kapitel starten wird.

Woche 16: 22.06. – 26.06.2026

Hands on
Was ich Praktisches und Fachliches gelernt habe, ist so vielfältig wie die Allgemeinmedizin selbst: Bei einigen häufigen Beratungsanlässen fühle ich mich in der Beratung schon recht sicher. Ich habe Einblicke in die Notfallversorgung – sowohl in der Praxis als auch durch die Notarzt-Nachtdienste – bekommen. Ich kann das Malignitätsrisiko von Muttermalen und Schilddrüsenknoten jetzt sehr viel besser einordnen, mit Risikorechnern arbeiten und würde mir zutrauen, kleinere, unkomplizierte Wunden zu versorgen, und und und. In keinem Praktikum habe ich bisher so viel Anamnese, körperliche Untersuchungen und erste Pläne für eine weitere Diagnostik oder Therapie gemacht. Ich habe viel über alltagstaugliche und alltagsrelevante Statistik und die verschiedenen Akteure in unserem Gesundheitssystem gelernt. Insgesamt kann ich nur sagen: Das Tertial hat mich fachlich immens weitergebracht und ein solides Fundament gelegt, auf das ich aufbauen kann.

Let’s talk about … the power of words
Die Kraft der Worte ist kaum zu unterschätzen. Ein großes Lernerlebnis war, immer wieder festzustellen, wie wichtig das Zuhören ist und dass man in vielen Fällen mehr zuhören als reden sollte. Für gute Diagnostik, für eine Vertrauensbasis, um ein Gefühl für das Leben und die Werte der Patient*innen zu bekommen. Und auch wenn wir (diagnostische) Fragen stellen, haben diese immer eine (therapeutische) Konsequenz: Beispiel Motivational Interviewing. Welche Fragen wir stellen, zeigt, welche Themen wir für relevant halten. Und wie schön ist es, zu merken, wie viel alleine Zuhören, Validieren, Da sein helfen kann. Worte können Schmerzen lindern – wie cool ist das denn? Natürlich gilt auch hier: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung (Stichwort Nocebo Effekt) und gute Gespräche zu führen bleibt eine der zentralen Herausforderungen des Arztberufes – insbesondere wenn diese später, anders als jetzt im PJ, auch mehr Zeitdruck ausgesetzt sind.

Philosophicum
Wie fühle ich mich nach 16 Wochen in der Allgemeinmedizin gegenüber dem ärztlichen Beruf? Demütig – gegenüber all dem Wissen und all den Fähigkeiten, die es für eine gute Patientenversorgung braucht, in dem Bewusstsein, dass ich niemals all den Anforderungen gerecht werden kann und immer wieder Fehler machen werde. Außerdem dankbar dafür, dass ich in diesem Beruf Patienten und Patientinnen begleiten darf, ihnen eine Vertrauensperson und Stütze sein kann. Diese Kombination motiviert mich, alles zu tun, um mehr zu lernen und besser zu werden.

Da Woid
Beim Abschied habe ich auf jeden Fall ein lachendes und ein weinendes Auge. Ich freue mich auf mein altvertrautes Würzburg, wo ich viele Leute kenne, aber habe doch auch hier gerade erst angefangen, die Gegend kennenzulernen und werde den Wald direkt vor meiner Haustür vermissen. (Wann) werden wir uns wiedersehen?