Miriam Gieseke

Praktisches Jahr
09.03.2026 – 28.06.2026

Woche 1: 09.03. – 13.03.2026

Willkommen im Bayerwald
.. oder Willkommen zurück. Nachdem ich im vergangenen Jahr schon mein Blockpraktikum in der Gemeinschaftspraxis im Bayerwald verbracht habe, kannte ich schon die Wohnung in Kirchberg, einige Praxen und Team-Mitglieder. Für meine Reflektionen habe ich mir überlegt, ein paar Kategorien zu machen, in die ich auch meine persönlichen Lernziele verpacke: Praktisches, Kommunikatives, Ethisches/ Ärztliche Haltung – und was mir sonst noch so einfällt.

Hands on
Diese Woche geht es mir wortwörtlich darum, was wir mit den Händen machen: Untersuchen, abtasten, abklopfen, Gelenke durchbewegen, Stabilität prüfen. Jeden Tag Patienten zu untersuchen hilft mir, Erfahrung darin zu bekommen und Befunde zuverlässig einschätzen zu können – wobei ich auch immer wieder merke, dass der letzte Orthopädie-Kurs schon ein bisschen her ist. Wie untersuche ich nochmal ein Kniegelenk? Da gibt es noch viel zu lernen und aufzufrischen.

Let‘s talk about …. Ängste
In meiner ersten Woche hier ist mir aufgefallen, wie häufig medizinisch harmlose Befunde große Ängste auslösen und dass es herausfordernd sein kann, Patienten zu beruhigen, ohne ihre Sorgen zu bagatellisieren. Einige Befunde können sich gruselig anhören – eine „Nierenzyste“, ein „frühes Repolarisationssyndrom“, eine „Leukozytopenie“, ein Laborwert, der nicht im Normbereich ist oder eine beiläufige Bemerkung. Wenn Sachen nicht ausreichend erklärt wurden und Dr. Google dazukommt, kann es schnell passieren, dass man sich bei einem eigentlich harmlosen Befund doch große Sorgen macht – schließlich geht es um die eigene Gesundheit. Unsere Worte können wie Sprengstoff für Ängste sein, auch die von uns Studierenden. Es macht einen Unterschied, ob ich sage „das müssen wir noch weiter abklären“ oder „wir wollen das sicherheitshalber noch ausschließen“. In dieser Woche habe ich dazugelernt, Ängste und subjektive Krankheitstheorien offen anzusprechen und auch nach einem Gespräch zu fragen „Konnte ich Sie damit beruhigen?“.

Philosophicum
Primum non nocere – zuerst nicht schaden. Ein ärztlicher Grundsatz seit Hippokrates und leichter gesagt als getan. Nicht nur können unsere Worte Sorgen oder Ängste auslösen, auch Überdiagnostik und Übertherapie ist in Deutschland ein Problem. Wir alle haben einen Action Bias und oft ist es leichter, weitere Diagnostik zu empfehlen, um sicherzugehen, als sich festzulegen, dass etwas nicht weiter abgeklärt werden muss und dafür auch die Verantwortung zu tragen. Die Grundlage zur Vermeidung von Überversorgung: fachlich gut & evidenzbasiert im Wissen um Prävalenzen, Gütekriterien von Diagnostik etc. zu arbeiten und damit sein Handeln gut begründen zu können.

The Länd
„Hier kennt man sich noch“ sagte eine Patientin zu mir. Ich glaube, sie empfand das als etwas Positives, während ich mir nicht sicher bin, ob ich gerne auch in meiner Freizeit dauernd Patient*innen begegnen und als „Die Ärztin“ wahrgenommen werden will. Da spricht wahrscheinlich das Stadtkind aus mir. Nichtsdestotrotz freue ich mich, die Gegend kennenzulernen. Den Innenstadt-Lärm von meiner Würzburger WG vermisse ich zumindest nicht, wenn ich morgens das Fenster öffne, die Vögel zwitschern und die Sonne auf unseren Berg scheint, während sich die Nebelschlieren im Tal unter uns auflösen.

Woche 2: 16.03. – 20.03.2026

Hands on
Kleine praktische Aufgaben werden langsam Alltag: Beispielsweise Ultraschalluntersuchungen von Bauch und Schilddrüse, Impfungen, das Befunden von EKGs oder das Durchführen von Troponin-Schnelltests. Auch die Versorgung kleinerer Wunden und diverser subkutaner Raumforderungen wie Ganglien, Atherome oder Schleimbeutelschwellungen war für mich interessant – was können wir selbst machen, wen schicken wir in die Notaufnahme, wen zum Chirurgen, wen zum Dermatologen, wen zum Orthopäden und wann reicht ein konservatives Prozedere.

Lets talk about … Bewegung
Mir ist die Woche aufgefallen, dass in einigen Gesprächen bei Rückenschmerzen viel um die Frage nach Schmerzmitteln und medikamentöser Therapie ging, obwohl das wichtigste (auch um Chronifizierung zu vermeiden!) aktive Maßnahmen sind: Dehnen, Kräftigungsübungen, körperliche Bewegung. Dann ist mir aufgefallen, dass ich selbst auch oft zuerst nach der Einnahme von Schmerzmitteln und nicht nach den aktiven Maßnahmen gefragt hatte – vielleicht lag es also auch an meinen Fragen? Mit dieser Erkenntnis habe ich angefangen, immer zuerst nach den durchgeführten Übungen zu fragen und auch vom Zeitanteil mehr über aktive als über passive Maßnahmen zu sprechen. Außerdem versuche ich, die Grundsätze des Motivational Interviewing einzubinden. Mein aktueller Fokus dabei: Mehr Fragen stellen und weniger Empfehlungen geben. (Es heißt ja auch Motivational „Interviewing“ und nicht Motivational „Advising“)

Philosophicum
Es geht weiter mit Gedanken zur Prävention: Welcher sozioökonomischen Schicht wir angehören ist ein Prädiktor für kardiovaskuläres Risiko und Herzkreislauferkrankungen. Gleichzeitig werden allgemeine Vorsorgeangebote wie z.B. Check Ups häufiger von eher gesundheitsbewussten Menschen mit sozioökonomisch eher höherem Status wahrgenommen. Ist das dann gerecht und sinnvoll, dass wir diese Art der Prävention durchführen, die die Leute die es am meisten benötigen würden am wenigsten erreicht? Gäbe es vielleicht ergänzende Angebote oder Wege, gezielter oder niederschwelliger Angebote für Risikogruppen z.B. Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten zu machen? Ein erster Schritt, den ich mir vornehme, ist, Risikogruppen zu erkennen und auch bei anderen Beratungsanlässen mehr einen Blick auf die Gesundheitsförderung zu haben.

Da Woid
… ist gerade voll mit Buschwindröschen! Und gibt es überhaupt etwas Schöneres als goldene Abendsonne zwischen dunkelgrünen Nadelbäumen?

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