Julian Mayrhuber

Praktisches Jahr
30.12.2024 – 20.04.2025

Woche 1: 30.12. – 05.01.2025 / Woche 2: 06.01. – 12.01.2025

Nach knapp acht Monaten stationär in der Klinik beginnt nun also meine Zeit im Wahltertial Allgemeinmedizin im Bayerischen Wald. Untergebracht bin ich mit Martin, einem weiteren PJ-ler und Freund aus der Studienzeit, in Grafenau in einem älteren, jedoch sehr geräumigen und einladenden Haus; dieses ist auch voll ausgestattet, sodass die Eingewöhnung leicht fällt.

Die Anmeldung bzw. Bewerbung für das PJ in der Gemeinschaftspraxis Bayerwald erfolgte direkt über Dr. Blank bzw. Martina Zißler; man bespricht zuerst in einem Zoom-Meeting Ziele bzw. Erwartungen, und absolviert im Anschluss üblicherweise einen Probe- / Hospitationstag in einer der Praxen.

Nach ein paar freien und Feiertagen ging es für mich in meiner Stammpraxis in Regen los; am ersten Tag wurde man herzlich begrüßt und strukturiert in die wichtigsten Funktionen der Praxissoftware eingeführt. Zunächst war man noch eher in der passiveren Zuschauerrolle, im Lauf der Woche konnte man Schritt für Schritt mehr Aufgaben übernehmen und die PatientInnen selbstständig anamnestizieren, fokussiert untersuchen, und je nach Fall bzw Krankheitsgeschichte Diagnosen formulieren und Therapievorschläge machen bzw Rezepte und AUs vorbereiten. Für Fragen und Feedback blieb jederzeit Raum. Aktuell prägen, der Jahreszeit entsprechend, doch viele Erkältungspatienten den Praxisalltag mit.

Dienstags und donnerstags stehen via Zoom praxisübergreifende Fallbesprechungen an, in denen unklare oder spannende Fälle im Kollektiv diskutiert und besprochen werden können.
Zum Start gab es von Wolfgang Blank am Mittwoch Nachmittag für alle PJler einen Kurs über folgende häufige Krankheitsbilder und Konsultationsanlässe, die uns im Alltag bereits begegnet sind und in aller Häufigkeit weiter begegnen werden: Erkältungen, Kreuzschmerzen, Impfungen, Check-ups, OP-Vorbereitungen. Auch das Tool „Arriba“, das als ärztliche Hilfe zur veranschaulichenden Patientenberatung verwendet werden kann, wurde uns näher gebracht, sodass wir bestens vorbereitet in unser Tertial Allgemeinmedizin starten konnten.

Woche 3: 13.01. – 19.01.2025

In dieser Woche standen für mich Montag nachmittags und dienstags – zusätzlich zum Sprechstundenalltag in der Praxis – auch erstmals Hausbesuche mit auf dem Programm. Hierbei werden Patientinnen und Patienten, denen es aus diversesten Gründen nicht (mehr) möglich ist, die hausärztliche Praxis aufzusuchen, in ihren eigenen vier Wänden besucht und betreut.
Teilweise haben wir hierfür Anfahrtswege von bis zu 20 Minuten zurückgelegt; teils waren es Routinebesuche, die pro Patient alle paar Wochen durchgeführt werden, um akribisch geführte Blutdruckprotokolle durchzusehen, Vitalparameter zu kontrollieren, Wunden zu inspizieren, etwaige Rezepte für ausgegangene Medikamente auszustellen, Blut abzunehmen oder Vit. B12 – Injektionen i.m. zu verabreichen.
Teils wurden wir aber auch zu PatientInnen gerufen, die sich ansonsten bei Bedarf ganz regulär in den Sprechstunden vorstellen, dies diesmal aber aufgrund von Unwohlsein oder stattgefundenen Stürzen nicht konnten.
Generell bringen diese Hausbesuche einen neuen spannenden Aspekt in die hausärztliche Tätigkeit mit ein, da man die Menschen in ihrem persönlichen Umfeld und in der direkten Interaktion mit Familienmitgliedern erlebt.
Außerdem bekam ich so die Gegend rund um Regen zu sehen, auch die kleinen Wege und Wälder abseits der Hauptstraßen und -routen, die man täglich am Weg zur Praxis befährt.
Beeindruckend ist auch, wie viel die Ärzte auf dem Weg zu alten Bauernhäusern, Einfamilienhäusern oder Wohnblocks, aus dem Stegreif und ohne einen Blick in die Akte zu werfen, über die Krankengeschichte und vor allem auch den Menschen dahinter und deren Leben erzählen können.

In der Praxis selbst hatte ich diese Woche die Möglichkeit, rund um die Gesundheits-Check-ups Patienten vor- bzw nachzuschallen und mich so auch etwas mit dem neuen Sono-Gerät vertraut zu machen. Beides hat seine Vor- und Nachteile; beim Nachschallen weiß man bereits, nach welchen Befunden und/oder Normvarianten man die Augen offen halten muss (diese Woche beispielsweise zwei vorbekannte Leberhämangiome (die häufigste gutartige Raumforderung der Leber), stellen sich als echoreiche, also helle, Raumforderung dar), beim Vorschallen geht man „spoilerfrei“ an die Sache heran, man merkt aber auch noch sehr klar, dass es einiges an Übung und auch Zeit braucht, die jeweiligen (in diesem Falle abdominellen) Organe aufzufinden und im richtigen Schnitt darzustellen.
Im Anschluss wird einem bei Fragen nochmal gezielt gezeigt, wie man die Schallkopfhaltung optimieren kann, um xy besser darzustellen/aufzufinden.

Was die Fortbildungen und Vorträge angeht, war diese Woche sehr Diabetes-lastig: am Montag präsentierte Dr. Machac ein Fallbeispiel einer Hypoglykämie bei gleichzeitiger Sulfonylharnstoff- und Insulin-Therapie; am Mittwoch hielt Dr. Egidi, ein Diabetes-Experte der DEGAM, einen sehr lehrreichen Vortrag über Neuerungen in der Diabetes-Therapie, Zielwerte, und therapeutische Differential-Indikationen beim Einsatz der verschiedenen antidiabetischen Substanzklassen.

Woche 4: 20.01. – 26.01.2025

Diese Woche habe ich am Dienstagmorgen eine der MFAs bei ihrer Hausbesuchstour begleitet – visitiert wurden unter anderem PatientInnen, die am DMP Diabetes mellitus teilnehmen. Ihnen wurde routinemäßig Blut abgenommen und ein kurzer standardisierter Fragebogen durchgegangen (RR-Selbstmessungen, letzter Augenarzttermin, …). Eine der Patientinnen war am Wochenende gestolpert und gestürzt, und wir haben die Kopfplatzwunde inspiziert und neu verbunden, sowie in der Praxis dann das Rezept für die entsprechende Antibiose – auf Empfehlung des betreuenden Arztes in der Notaufnahme – ausgestellt.

Donnerstagnachmittag haben wir PJler und eine Assistenzärztin uns alle in der Praxis in Kirchberg getroffen, wo wir die Möglichkeit hatten, uns gegenseitig zu schallen – dabei haben wir uns auf Abdomen- und Schilddrüsenultraschall fokussiert. Dies unter der Supervision von Wolfgang Blank, der jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand und bei Bedarf Hilfestellungen und Tipps aus dem Alltag beisteuerte.
Auch gegenseitig konnten wir uns wertvolle Tipps geben, wie man durch Atemmanöver bzw. optimierte Schallkopfhaltung und -abkippung die verschiedenen Strukturen bzw. Organe besser darstellen kann.
Im Anschluss stellte uns Wolfgang noch einen Patienten mit einer fokalen Leberverfettung vor, den wir dann auch noch sonografieren durften. Diese Entität stellte sich verdächtig tumorähnlich dar, weshalb bei dem Patienten zuvor bereits eine Schnittbildgebung im Krankenhaus erfolgt war.

Außerdem haben wir uns diese Woche im Rahmen unserer PJ-Fortbildungsrunde in der Wohnung in Kirchberg getroffen und anhand der M3-Vorbereitungs- und Fallbücher mehrere Patientenfälle uns erarbeitet und durchgesprochen (u.a. zum Vorhofflimmern und Myokardinfarkt). Diese interaktiven Besprechungen sind extrem bereichernd, da jeder entsprechend seiner unterschiedlichen Vorerfahrungen andere Aspekte ins differentialdiagnostische Brainstorming mit einbringen kann und man sich gegenseitig auf gedankliche Sprünge verhelfen kann.

Woche 5: 27.01. – 02.02.2025

Freitag Vormittag: Übelkeit und Erbrechen, kaum Stuhlgang, Schmerzen im Unterbauch – in der Sonografie zeigten sich dann enorm extendierte, also erweiterte, Darmschlingen im linken Unterbauch und die sogenannte Pendelperistaltik – diese Patientin, die erst kurz zuvor nach einer Operation im Bereich des Gastrointestinaltraktes aus der stationären Versorgung entlassen worden war, mussten wir mit dringendem Verdacht auf einen postoperativen (Sub-)Ileus erneut ins Krankenhaus einweisen.
Die Sono-Bilder mit dem erahnbaren Strickleiterphänomen waren sehr eindrücklich und hatte ich so zuvor auch nur im Lehrbuch bzw. auf Amboss gesehen.

Am Mittwoch-Abend um 19.30 fand als Highlight der Woche der Journal-Club über Zoom statt. Dabei nehmen mehrere HausärztInnen aus der Region teil; es kursiert vorab ein Google-Doc, über das jede/r eine aktuelle Studie, Artikel oder Bericht einstellen kann. Dort kann dann schon vorab schriftlich diskutiert werden, und der Einstellende präsentiert seine Studie dann dem online lauschenden Publikum und eröffnet die jeweilige Diskussion.
Ein Thema, das besonders in Erinnerung blieb, war das Analgetikum Metamizol. Außerhalb des deutschsprachigen Raums spielt es aufgrund der gefürchteten Nebenwirkung der metamizol-induzierten Agranulozytose (die Zahlen in der Literatur hierfür variieren recht stark) oft keine wirkliche Rolle; in der Diskussionsrunde ergab sich, dass in der Praxis bei oraler Anwendung kaum jemand jemals mit dieser Nebenwirkung in Berührung gekommen ist – so hat man weiterhin eine gute Alternative etwa zu NSAR in petto, deren nephrotoxisches Nebenwirkungsprofil ja hinlänglich bekannt ist.

Woche 6: 03.02. – 09.02.2025

Diesmal ein nicht-medizinischer Einstieg in den wöchentlichen Bericht: Als wir im Rahmen eines Hausbesuchs gerade das entsprechende Grundstück betreten hatten, wurden wir von einem Rehkitz begrüßt, das uns vom anderen Ende des Gartens aus skeptisch beäugte. Wie mir die Gattin des Patienten erzählte, ziehe sie schon seit Jahren immer wieder verwaiste Rehkitze auf – in diesem Fall sei die Mutter des Tieres im Sommer wohl von einem Luchs gerissen worden, und die Jäger hätten ihr das Tier wieder zur Aufzucht überlassen.
Auch das ist PJ-Tertial Allgemeinmedizin am Land im Bayerischen Wald

In der Praxis selbst war diese Woche ein rund 60-jähriger Patient vorstellig, bei dem nach einem Termin bei der Dermatologin inkl Biopsie die Diagnose (cutane) Mastozytose gestellt worden war. Bei ihm imponiert die Erkrankung vor allem durch eine Vielzahl erythematöser Papeln, am gesamten Rumpf verteilt, mit starkem Pruritus. Er ist mit antiallergischer Medikation, inkl Epipen, ausgestattet und nun soll die weitere Abklärung erfolgen, ob eine systemische Form bzw. Komponente vorliegt.

Woche 7: 10.02. – 16.02.2025

Diese Woche durfte ich das erste Mal eigenständig Hausbesuche bei zwei Patienten durchführen. Ich kannte beide schon von vorherigen Hausbesuchs-Touren, die wir gemeinsam durchgeführt hatten. Zu Beginn war es ein recht aufregendes Gefühl, da man doch nicht ganz genau weiß, was einen erwartet, und ich selbst auch etwas nervös war; aber es ist eine gute Möglichkeit, auch in diesem Setting Schritt für Schritt mehr Verantwortung zu übernehmen, immer mit der Möglichkeit bei Unklarheiten in der Praxis einen der ÄrztInnen anrufen, und um Rat fragen zu können.
Nach der Mittagspause bin ich dann die beiden Patienten und das von mir mit ihnen besprochene Prozedere nochmal mit dem Arzt durchgegangen, wir haben die weiteren Schritte geplant und ich habe mit einer Angehörigen eines der Patienten einen Tag später nochmal telefoniert und die abgenommenen Blutwerte rückbesprochen.

Am Mittwoch fand via Zoom eine Fortbildung zum Thema Adipositas und Leitlinienneuerungen statt. Insgesamt wurde zu diesem doch nicht trivialen Thema im Praxisalltag recht kontrovers diskutiert; Schwerpunkte waren die Entstigmatisierung dieser Erkrankung und mögliche (auch medikamentöse) Therapieoptionen.

Mittwoch abends wurde dann noch ein Seminar der Allgemeinmedizin der Uni Erlangen angeboten, in der ein Dozent mit uns interaktiv zuerst mehrere Blickdiagnosen anhand von Bildern durchging, und im Anschluss einige spannende Fälle aus seiner Praxis vom Leitsymptom bis zu Diagnose und Therapie diskutiert.