Enrica Wedig

Praktisches Jahr
29.12.2025 – 19.04.2026

Woche 1: 05.01. – 09.01.2026

Nachdem ich erste Erfahrungen während einer Famulatur und im Blockpraktikum in der Gemeinschaftspraxis Bayerwald sammeln konnte, kehre ich nun im dritten Tertial des PJ in den Bayerischen Wald zurück, diesmal in die Praxis Kirchberg. Gemeinsam mit drei weiteren PJlerinnen und einem PJler beziehen wir das Haus auf dem Kirchberg, das das Dorf überblickt und sich schnell wie ein neues Zuhause anfühlt.
Jeden Morgen mache ich mich zu Fuß auf den Weg, den Berg hinunter Richtung Praxis. Die klare Luft, die Ruhe des verschneiten Ortes und die freundlichen Grüße der Anwohnerinnen und Anwohner begleiten mich. In der Praxis angekommen, geht es direkt los: Einführung in das Computersystem, erste Einblicke in die Abläufe und dann schon die ersten Kontakte in der Sprechstunde. Infekte, orthopädische Untersuchungen von Wirbelsäule und Knie, Fäden ziehen und Erstbesprechungen bei Neuvorstellungen gehören zum Alltag. Wir sehen unter anderem Zoster-Infektionen, Luftnot, führen Check-up-Untersuchungen durch, behandeln Tonsillitiden und begleiten Entlassungen aus dem Krankenhaus. Die Vielfalt der Allgemeinmedizin zeigt sich vom ersten Tag an.
Die Mittagspausen sind geprägt von Fallbesprechungen auf regionaler und überregionaler Ebene, die Raum für Austausch, Nachfragen und gemeinsames Nachdenken bieten. Besonders der Donnerstag hat seinen festen Platz: Am Nachmittag treffen wir uns zur Themenbesprechung, in dieser Woche zur Lungenentzündung. Wir bringen eigene Fälle aus der Praxis mit, diskutieren sie gemeinsam und bereiten uns auf das mündliche Examen vor.
In den Pausen und nach Feierabend erkunden wir Kirchberg und gehen die beiden Winterwanderwege, die nur wenige Meter vom Haus entfernt beginnen. Zurück am Wohnzimmertisch trinken wir Kaffee oder Tee, lassen den Tag Revue passieren und teilen unsere Eindrücke. Es ist eine intensive, lehrreiche und zugleich entschleunigende Woche, ein gelungener Auftakt in dieses Tertial im Bayerischen Wald.

Woche 4: 19.01. – 23.01.2026

Die Woche war nicht nur fachlich, sondern auch atmosphärisch besonders. Starker Schneefall prägte den Wochenbeginn, und es war beeindruckend zu beobachten, wie schnell und zuverlässig die Straßen geräumt wurden und wie die Bewohnerinnen und Bewohner Kirchbergs mit eigenen Baggern Schneehaufen bewegten.
In der Sprechstunde konnte ich anhand zweier Patientinnenvorstellungen wertvolle klinische Einblicke gewinnen. Eine Patientin stellte sich mit halbseitigen sensomotorischen Defiziten nach kürzlich durchgemachtem Herpes zoster vor. Obwohl die Beschwerden teilweise dem betroffenen dermatomalen Muster entsprachen, war das Ausmaß der Defizite hierdurch nicht ausreichend erklärbar, sodass wir umgehend eine neurologische Abklärung zum Ausschluss zentraler Ursachen veranlassten. Eine weitere junge Patientin stellte sich mit einer erstmalig aufgetretenen venösen Thromboembolie ohne erkennbare auslösende Faktoren vor; zudem bestand eine positive Familienanamnese für thromboembolische Ereignisse. Nach Diagnosesicherung mittels Kompressionssonografie und Beginn der Antikoagulation überwiesen wir die Patientin in eine Gerinnungsambulanz zur weiterführenden Abklärung.
Ein Schwerpunkt der Woche war der gemeinsame Fortbildungsnachmittag am Mittwoch. Dort übten wir die orthopädische Untersuchung von Kopf bis Fuß. Jede und jeder von uns bereitete zwei Gelenke vor, die wir anschließend gemeinsam untersuchten. Der direkte Austausch half dabei, Sicherheit in den Untersuchungsabläufen zu gewinnen. Ergänzt wurde dies durch regionale und überregionale Fallbesprechungen sowie eine Fortbildung zum Thema Schwindel, die inhaltlich gut zu den Erlebnissen aus der Sprechstunde passte.

Woche 5: 26.01. – 30.01.2026

In dieser Woche nutzten wir neben der hausärztlichen Arbeit Zeit für Fortbildungen und gemeinsames Lernen. Im Rahmen einer Fortbildung beschäftigten wir uns mit der neuen S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom und diskutierten ihre Bedeutung für die hausärztliche Praxis. Dabei ging es insbesondere um die Risikostratifizierung, das PSA-basierte Screening und die Frage, wann eine weiterführende Diagnostik erforderlich ist und eine Überweisung in die Urologie erfolgen sollte. Der Austausch zu typischen Entscheidungssituationen aus dem Praxisalltag erwies sich dabei als besonders hilfreich.
Gemeinsam mit den anderen PJ-lerinnen übten wir Ultraschalluntersuchungen der Schilddrüse und des Abdomens. Wir tauschten uns über eine systematische Untersuchungstechnik aus, korrigierten gegenseitig unsere Sondenführung und Handhabung und konnten so unsere sonographischen Grundfertigkeiten weiter verbessern.
Alle sechs Wochen findet ein Journal Club statt, in dem wir eigenständig ausgewählte Studien vorstellen und gemeinsam besprechen. In diesem Rahmen setzten wir uns mit dem Studiendesign auseinander und ordneten die Ergebnisse im Hinblick auf ihre Übertragbarkeit in den hausärztlichen Alltag sowie ihre methodischen Limitationen ein.
Auch außerhalb der Praxis blieb die Woche abwechslungsreich. Zwischen Wanderungen durch die schneebedeckte Landschaft rund um Kirchberg begannen wir gemeinsam, die Serie The Pitt zu schauen. Die Darstellung eines Tages in der Notaufnahme bot uns Anlass zu Gesprächen über medizinische Entscheidungsfindung, Rollenbilder und ethische Fragestellungen, die auch im hausärztlichen Alltag relevant sind. So konnten wir bei Tee und in angenehmer Atmosphäre die Tage ausklingen lassen.

Woche 6: 02.02. – 06.02.2026

Die Woche begann mit mehreren Wundversorgungen, bei denen ich die Möglichkeit hatte, von der Wundexpertin Petra Weinmann zu lernen. Bei Verbandswechseln erklärte sie mir Schritt für Schritt, worauf es bei der Beurteilung von Wunden ankommt, wie Verbandsmaterialien sinnvoll ausgewählt werden und wie sich der Verlauf realistisch einschätzen lässt. Besonders wertvoll waren ihre Hinweise dazu, Behandlungsziele nachvollziehbar zu vermitteln und PatientInnen in die Wundtherapie einzubeziehen.
Im weiteren Verlauf der Woche begleitete ich Belastungs-EKGs und vertiefte mein Verständnis für Indikationsstellung, Durchführung und Befundinterpretation. Parallel war ich an der Betreuung von PatientInnen mit diabetischer Nephropathie beteiligt, wodurch deutlich wurde, wie wichtig kontinuierliche Verlaufskontrollen, Therapieanpassungen und die enge Abstimmung mit der fachärztlichen Mitbehandlung in der hausärztlichen Versorgung sind.
Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete die Besprechung eines Patienten mit chronischen dyspeptischen Beschwerden bei unauffälliger organischer Diagnostik. Gemeinsam diskutierten wir das differenzialdiagnostische Vorgehen, den Ausschluss von Alarmzeichen und ein stufenweises Therapiekonzept. Im Fokus standen eine verständliche, nicht stigmatisierende Kommunikation sowie die gemeinsame Festlegung realistischer Therapieziele.
Zum Ende der Woche verabschiedeten wir unseren Mitbewohner Moritz, den wir in unserer WG auf dem Kirchberg sehr vermissen werden. Beim gemeinsamen Pizzabacken nahmen wir uns Zeit, auf den ersten Monat zurückzublicken und unsere Eindrücke zu teilen.

Woche 7: 09.02. – 13.02.2026

Die Woche begann mit einer Patientin Mitte fünfzig, die von zunehmenden Schlafstörungen, Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen berichtete. Sie beschrieb eine spürbare Veränderung ihres Wohlbefindens in den vergangenen Monaten, verbunden mit dem Gefühl, „nicht mehr ganz im Gleichgewicht“ zu sein. Das Gespräch machte mir deutlich, wie vielschichtig die Peri- und Postmenopause erlebt werden kann und wie wichtig es ist, Beschwerden ernst zu nehmen und strukturiert einzuordnen.

Passend dazu nahm ich an einer Weiterbildung zur Peri- und Postmenopause teil. Thematisiert wurden typische Symptomkonstellationen, differenzialdiagnostische Überlegungen sowie Screeningmöglichkeiten in der hausärztlichen Praxis. Neben vasomotorischen Beschwerden standen auch Schlafstörungen, psychische Veränderungen, urogenitale Symptome und langfristige Aspekte wie das Osteoporoserisiko im Fokus. Besonders praxisnah war die Diskussion therapeutischer Möglichkeiten, von Lebensstilinterventionen über nicht-hormonelle Ansätze bis hin zur individuell abgewogenen Hormontherapie.

Zur Wochenmitte wurde es bunt: Zum Straßenkarnevalsauftakt erschien das gesamte Praxisteam im Stil der 80er Jahre verkleidet. Zwischen Sprechstunde und Laborabnahme wurde gemeinsam gelacht, und viele PatientInnen nahmen die heitere Atmosphäre dankbar an.

Parallel dazu kamen in dieser Woche zahlreiche kleine Patientinnen und Patienten in die Praxis. Dadurch hatte ich mehrfach Gelegenheit, die pädiatrische körperliche Untersuchung zu üben: von der altersgerechten Anamnese über die strukturierte Inspektion bis zur Auskultation. Die Untersuchung von Kindern erfordert besondere Aufmerksamkeit, Geduld und eine angepasste Kommunikation, was ich als wertvolle praktische Erfahrung empfand.

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